Was definieren wir als fairen Handel in unserer Branche?
und gibt es ihn?
In der Schmuck- und Edelsteinbranche orientieren sich viele Unternehmen an den OECD-Sorgfaltspflichten, dem RJC Code of Practices sowie den CIBJO-Leitlinien zum Responsible Sourcing. Diese Rahmenwerke definieren Prozesse, sind jedoch je nach Unternehmensrolle und Rohstoff unterschiedlich tief umgesetzt. Für ASM-Gold (kleinbetriebliche/handwerkliche Förderung) existieren Fairtrade-Standards mit klaren Anforderungen; für Farbedelsteine ist die Standardlandschaft fragmentierter und oft ohne lückenlose Rückverfolgbarkeit bis zur Mine. Einen offiziellen Fairtrade-Standard zur Zertifizierung gibt es hier bislang nicht.
Nachhaltigkeit und die „drei Säulen“ im Handel
Der Begriff der Nachhaltigkeit verbindet ökologische, soziale und ökonomische Dimensionen. Für den Handel mit Schmuck/Edelsteinen bedeutet das im Mindestverständnis:
- Ökologisch: Umgang mit Chemikalien/Abfällen, Energie/Wasser, Standorteingriffe – kurzum mit dem Abbau- und Verarbeitungsstandards – mit wachsenden Anforderungen an Messbarkeit und Nachweisführung.
- Sozial/Menschenrechte: Umsetzung der UN-Leitprinzipien in Form von menschenrechtlicher Sorgfalt. Dies gilt entlang der gesamten Wertschöpfung, inklusive vor- und nachgelagerter Partner.
- Ökonomisch/Governance: Tragfähige Geschäftsmodelle, die Risiken und Compliance-Kosten abbilden und zugleich Marktanforderungen erfüllen.
Nachhaltigkeits-Areas auf Messen und Nachhaltigkeitsdebatten im wissenschaftlichen Kontext unserer Branche gehen hier oft noch einen Schritt weiter. Es geht um das Weiterdenken dieser Maßstäbe und um das aktive Auseinandersetzen mit der Verbesserung solcher Standards. Weswegen sich inzwischen immer häufiger der Begriff „sustainable traders“ (nachhaltige Händler) zu „responsible traders“ (verantwortungsbewusste Händler) wandelt. Ein Begriff, der auf der einen Seite exploriert, auf der anderen Seite aber als noch zu unpräzise kritisiert wird.
Unsere Branche hat eine besondere Verantwortung
Oft kaum nachvollziehbare, internationale Lieferketten mit vielen Zwischenhändlern machen die Lieferkettentransparenz schwer: Besonders bei Farbedelsteinen sind Ketten oft lang, vielfach informell und über viele Länder verteilt; bereits beim Schleifer lässt sich häufig der exakte Fundort nicht mehr nachvollziehen, da an diesem Punkt zahlreiche Zwischenhändler die Steine in der Hand hatten.
Anders ist es beim Gold. Hier gibt es fair gehandelte Alternativen. Viele Goldschmiede greifen auch zu Recycling, doch warum recyceltes Gold nur bedingt eine Alternative ist, finden Sie hier auf der Seite von fairever.gold erklärt.
Aktuell beobachten wir in vielen Bereichen der Lieferketten unserer Branche weltweit wieder häufiger Kinderarbeit, gerade in der Goldbranche steigen wieder die Zahlen. Auch hierauf gilt es zu achten und sich abzusichern, dass wir diese nicht unbewusst in Kauf nehmen und sich dahingehend abzusichern.
Doch wie kann die Branche die Lieferketten besser Kontrollieren?
Je strenger die Prüfanforderungen, desto eher droht Ausschluss kleiner Lieferanten, die diese Anforderungskataloge aus verschiedenen (oft vor allem finanziellen) Gründen nicht mehr erfüllen können.
Hier setzen zahlreiche Forschungsinitiativen und Interessengemeinschaften an, die sich für fairen und nachhaltigen Handel in unserer Branche stark machen. Auch ich versuche regelmäßig an Tagungen teilzunehmen, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben und mich in solche Debatten einzubringen.
Begriffsdefinitionen wie „Artisanal & Small-Scale Mining (ASM)“ sind nur ein Ergebnis dieser Initiativen. Sie entwickeln weitere Möglichkeiten und Zugänge für „Mine-to-Market“-Konzepte, und Pioniere der Branche setzen sich für bessere Zugänge und machbare Standardisierungen ein.
Was bedeutet Greenwashing?
Greenwashing liegt vor, wenn beispielsweise Umwelt-, Sozial- oder Nachhaltigkeitsaussagen ungenau, unbelegt oder irreführend sind (etwa pauschale „klimaneutral“-Claims nur durch Offsetting). In der EU werden generische Umweltbehauptungen ohne Nachweis untersagt; nationale Gerichte präzisieren Anforderungen an Klarheit und Beleg. Unternehmen brauchen belastbare Grundlagen für solche Aussagen, ansonsten drohen Abmahnungen, Unterlassungs- und Schadensersatzansprüche, Bußgelder sowie Reputationsschäden. Die EU arbeitet aktuell an der Green-Claims-Richtlinie, die Substantiierung und Prüfung von Umweltaussagen konkretisiert. Die Tendenz ist klar: weniger Spielraum für unpräzise und irreführende Behauptungen.

Was bedeutet das für die Praxis?
- EU- und gesetzliche Standards geben die Richtung vor, sind aber kein Selbstzweck: Entscheidend ist ein risikobasierter, dokumentierter Prozess, ergänzt um branchen- und materialbezogene Vorgaben.
- Nachhaltigkeit ist dreidimensional: Öko-, Sozial- und Governance-Aspekte müssen gleichzeitig adressiert werden und mit Nachweisen hinterlegt sein, die Audits und Rechtsrahmen standhalten.
- Herausforderungen für die Betriebe sind lösbar, aber kontextabhängig: Bei Farbedelsteinen sind Transparenz- und Inklusionsfragen zentral; pauschale Lösungen greifen oft zu kurz.
- Das Greenwashing-Risiko lässt sich vermeiden: Das Wording ist entscheidend; es braucht prüffähige Daten und präzise Formulierungen – sonst drohen rechtliche und reputative Folgen.



