Nachhaltiger Schmuck?! Symposium Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz an der Hochschule Pforzheim

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Am 12. Juni 2026 fand an der Hochschule Pforzheim das Symposium „Nachhaltiger Schmuck?!“ statt. Von 9:00 bis 15:30 Uhr diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Industrie, Handel, Design und Zivilgesellschaft über die Frage, ob und wie Nachhaltigkeit in der Schmuckbranche umgesetzt werden kann. Das Programm umfasste Vorträge, Praxisberichte und eine abschließende Podiumsdiskussion.

Die Idee für das Symposium entstand im Zusammenhang mit der von mir kuratierten Sustainability Area der INOVA COLLECTION. Im Rahmen der Vorbereitung dieser Plattform wurde die Hochschule Pforzheim als Partner angesprochen, um wissenschaftliche Perspektiven stärker in die Nachhaltigkeitsdebatte der Schmuckbranche einzubringen. Ziel war es, Forschung und Praxis enger miteinander zu verbinden und dadurch neue Impulse für die Branche zu schaffen.

Die organisatorische Planung des Symposiums lag bei Prof. Dr. Mario Schmidt und Prof. Dr. Roukaya Issaoui-Domnik vom Institute for Industrial Ecology (INEC).

Trotz der vergleichsweise kurzfristigen Ausschreibung innerhalb der Branche konnten nach offiziellen Angaben rund 80 bis 100 Teilnehmende begrüßt werden. Neben zahlreichen Akteurinnen und Akteuren aus der Schmuck- und Edelmetallbranche nahmen auch Studierende aus den Bereichen Schmuckdesign und Nachhaltigkeit teil. Das Feedback fiel durchweg positiv aus. Besonders hervorgehoben wurde die Vielfalt der Perspektiven. Die Mischung aus Wissenschaft, Industrie, Handel und Design ermöglichte einen echten Diskurs und brachte selbst langjährigen Nachhaltigkeitspionieren neue Denkanstöße.

Ich habe versucht die Inhalte für alle zusammenzufassen:

Kann Schmuck nachhaltig sein?

Bereits in seiner Begrüßung stellte Prof. Dr. Mario Schmidt die zentrale Frage des Tages:

„Kann Schmuck nachhaltig sein oder kann er nur nachhaltiger sein?“

Daran knüpfte Prof. Dr. Roukaya Issaoui-Domnik in ihrem Eröffnungsvortrag an. Sie machte darauf aufmerksam, dass sich aktuell wieder Entwicklungen beobachten lassen, die man durchaus als eine Art „Fast Fashion für Schmuck“ bezeichnen könne. Nachhaltigkeit müsse deshalb auch immer die Frage nach der Langlebigkeit einschließen.

Ein Satz blieb dabei besonders im Gedächtnis:

„Langlebigkeit ist nicht teuer, sie ist nur anders kalkuliert.“

Prof. Dr. Issaoui-Domnik stellte die Frage „Kann ein Ring die Welt retten?“ und betonte, dass Luxus auch in der Langlebigkeit eines Produktes liege und Nachhaltigkeit eine große Chance für die Schmuckbranche sein könne, wenn sie ehrlich umgesetzt werde.

Regulatorik und Verantwortung in der Edelmetallbranche

York Alexander Tetzlaff von der Fachvereinigung Edelmetalle eröffnete das erste Fachpanel. Er stellte aktuelle Zahlen, Daten und Fakten zur Branche vor und erläuterte bestehende Regulatorien, darunter den Code of Practices des Responsible Jewellery Council sowie die Anforderungen der europäischen Lieferkettensorgfaltspflichten.

Dabei wurde deutlich, dass Nachhaltigkeit längst nicht mehr ausschließlich eine freiwillige Zusatzleistung ist. Zunehmend wird sie durch regulatorische Anforderungen zu einem festen Bestandteil unternehmerischer Verantwortung.

Er verwies darauf, dass die deutsche Edelmetallindustrie in vielen Bereichen eine Vorreiterrolle einnimmt. Deutschland habe sich zu einem bedeutenden Recycling-Hub entwickelt und unterscheide sich damit deutlich von anderen internationalen Handelsplätzen, an denen Gold häufig auch aus fragwürdigen Quellen angenommen werde.

Fairtrade, Fairmined und die Realität in den Minen

Mit Jan Spille sprach einer der bekanntesten Pioniere für Fair Trade Gold in Deutschland. Der Hamburger Goldschmied studierte selbst einst an der Hochschule Pforzheim und war einer der ersten Akteure der Branche, die eine Fairtrade-Zertifizierung erhielten.

In seinem Vortrag erläuterte er die Unterschiede zwischen verschiedenen Zertifizierungssystemen und berichtete aus seinen langjährigen Erfahrungen mit nachhaltigen Lieferketten.

Er sagte auch: „Fair Trade bedeutet, dass man sozial gerecht handelt. Das geht möglicherweise nicht immer zu hundert Prozent ökologisch.“

Für sein Unternehmen sei entscheidend, die Herkunft aller Rohstoffe zu kennen und diese nachvollziehbar kontrollieren zu können.

Besonders interessant war seine Beobachtung zur Kundennachfrage. Die Nachfrage nach nachhaltigem Schmuck sei nicht zwangsläufig gestiegen. Verändert habe sich jedoch die Frage, welche Nachhaltigkeitsaspekte Kundinnen und Kunden besonders wichtig seien.

In seinem LinkedIn-Fazit nach der Veranstaltung zog Jan Spille eine differenzierte Bilanz. Einerseits seien durch Fairtrade- und Fairmined-Initiativen bereits erhebliche Verbesserungen für viele Kleinbergbaukooperativen erreicht worden. Andererseits arbeiteten weltweit weiterhin Millionen Menschen unter schwierigen Bedingungen im Bergbau. Nachhaltigkeit sei daher heute keine Nische mehr, sondern eine gemeinsame Verantwortung entlang der gesamten Lieferkette (Jan Spille in seinem LinkedIn-Post vom 16.06.2026).

Nachhaltigkeit zwischen Anspruch und Verkaufsgespräch

Georg Leicht berichtete aus der Perspektive des Einzelhandels. Bereits in den 1980er Jahren sei er bei Reisen nach Thailand erstmals mit problematischen Arbeitsbedingungen im Bergbau konfrontiert worden. Diese Erfahrungen hätten sein Denken nachhaltig geprägt.

Heute schule er seine Mitarbeitenden regelmäßig zu Nachhaltigkeitsthemen.

Gleichzeitig machte er deutlich, dass Nachhaltigkeit im Verkaufsgespräch nicht immer einfach sei. Schmuck werde häufig in emotionalen Lebenssituationen gekauft, beispielsweise zur Verlobung bzw. Hochzeit.

„Falsch eingesetzt ist Nachhaltigkeit ein Imagekiller, Störfaktor und nicht hilfreich.“

Nachhaltigkeit müsse deshalb zielgruppengerecht kommuniziert werden. Zudem verwies er darauf, dass nachhaltigere Lösungen oftmals mit höheren Kosten verbunden seien.

Guya Merkle: Warum die Branche einen Paradigmenwechsel braucht

Einen eindrucksvollsten Vortrag hielt Guya Merkle.

Die Unternehmerin und Stiftungsgründerin engagiert sich seit mehr als zwanzig Jahren für mehr Verantwortung im Goldsektor. In ihrem Vortrag berichtete sie über ihren persönlichen Weg und ihre Erfahrungen aus der internationalen Arbeit im Bereich nachhaltiger Rohstofflieferketten.

Dabei machte sie auf ein zentrales Problem aufmerksam:

„Gold verliert auf seinem Weg durch die Lieferkette sehr schnell den Nachweis seiner Herkunft.“

Dieses Thema greift sie auch in ihrem neuen Buch „Wie viele Leben kostet ein Karat? Macht, Kapital und globale Ungerechtigkeit rund um die Ressource Gold“ auf, das im September erscheinen wird.

In der Diskussion stellte sie die Frage, warum sich seit Jahren häufig dieselben Akteure an den Nachhaltigkeitsdebatten beteiligen.

Ihre zentrale These lautete:

„Ohne Paradigmenwechsel hat die Branche keine Zukunft.“

Auch in ihrem LinkedIn-Rückblick zeigte sie sich nachdenklich. Trotz vieler Fortschritte komme dort, wo Veränderung eigentlich wirken solle, noch immer zu wenig an. Gemeint seien die Herkunftsländer der Rohstoffe und die Menschen, die dort die sozialen und ökologischen Folgen des Rohstoffabbaus tragen. Hoffnung schöpfe sie daraus, dass die Branche zunehmend bereit sei, ehrlich über diese Herausforderungen zu sprechen (Guya Merkle in ihrem LinkedIn-Post vom 18.06.2026).

Warum Menschen Schmuck brauchen

Prof. Andreas Gut widmete sich den Werten und der kulturellen und emotionalen Bedeutung von Schmuck.

Anhand historischer Beispiele zeigte er, dass Menschen bereits seit Jahrtausenden das Bedürfnis haben, sich zu schmücken.

Dabei beschrieb er Schmuck als ein widersprüchliches Kulturgut. Einerseits stehe er für Tradition, andererseits für Protest. Einerseits werde er als Wertanlage betrachtet, andererseits sei sein ideeller Wert oft deutlich höher als sein materieller Wert.

Besonders eindrucksvoll war seine Analyse der emotionalen Bindung zwischen Menschen und Schmuckstücken. Die eigentliche Besonderheit von Schmuck liege häufig nicht im Material, sondern in den Erinnerungen, Bedeutungen und Beziehungen, die Menschen mit ihm verbinden. Er weist im Vortrag sehr eindrucksvoll daraufhin dass sich aber auch diese Werte verändern und verkehren können, dinge, die Früher noch etwas ganz tolles waren können mit dem heutigen Wissensstand ganz andere Emotionen hervorrufen.

Recyclinggold und die Grenzen der Nachhaltigkeitskommunikation

Dr. Philipp Reisert von C.HAFNER beleuchtete Nachhaltigkeit aus Sicht einer Scheideanstalt.

Zu Beginn machte er darauf aufmerksam, dass zahlreiche Unternehmen der Branche bereits intensiv an Nachhaltigkeit arbeiten, dies jedoch bewusst nicht immer öffentlich kommunizieren.

Nachhaltigkeit sei aus unternehmerischer Sicht längst ein strategischer Faktor geworden. Gleichzeitig müsse jedes Unternehmen genau abwägen, welche Informationen für die jeweilige Zielgruppe relevant seien.

Anschließend erläuterte er die Unterschiede zwischen primärem Gold aus Minen und sekundärem Gold aus Recyclingprozessen.

Besonders spannend war sein Praxisbeispiel zu einem speziell beworbenen Recycling-Anlagegold. Obwohl das Produkt unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten überzeugend war, blieb die Nachfrage hinter den Erwartungen zurück und führte sogar zu kritischen Reaktionen aus dem Markt.

Die CO₂-Emissionen bei recyceltem Gold bei etwa 30 Kilogramm pro Kilogramm Gold, während primär gefördertes Gold rund 30 Tonnen verursacht. Das entspricht dem Tausendfachen. C.HAFNER plant deshalb künftig, den durchschnittlichen CO₂-Fußabdruck pro Gramm verarbeitetem Gold jährlich auszuweisen. Wie Kundinnen und Kunden diese Information nutzen, möchte das Unternehmen jedoch bewusst offenlassen.

Farbedelsteine und die Herausforderungen des Kleinbergbaus

Per Live-Schaltung aus Rio de Janeiro berichtete Vera Cittadino von ihrer Arbeit im Mercator-Projekt „Glänzende Lücken im Edelsteinsektor zwischen Europa und Lateinamerika“.

Sie erläuterte, dass weltweit rund 44 Millionen Menschen direkt im Edelsteinsektor tätig sind und etwa 100 Millionen Menschen indirekt von dieser Branche abhängig sind.

Im Gegensatz zu Gold und Diamanten stammen mehr als 80 Prozent der Farbedelsteine aus kleinstrukturiertem Bergbau.

Anhand konkreter Beispiele aus Brasilien zeigte sie die Schwierigkeiten auf, die dabei entstehen. Selbst wenn eine Mine hohe Standards erfüllt, arbeiten häufig Menschen in unmittelbarer Umgebung unter deutlich schlechteren Bedingungen und suchen in Abraumhalden nach verwertbaren Materialien. Die dort gefundenen Steine gelangen anschließend oftmals in dieselben Handelsströme wie zertifizierte Ware.

Besonders bemerkenswert war ihr Hinweis auf die Rolle sozialer Medien. Viele Kleinbergbauakteure hätten heute damit erstmals die Möglichkeit, ihre Arbeit direkt sichtbar zu machen und sogar eigenständig internationale Handelsbeziehungen aufzubauen.

Die abschließende Podiumsdiskussion

Zum Abschluss diskutierten Jan Spille, Guya Merkle und Prof. Andreas Gut unter der Moderation von Prof. Dr. Fernando Fastoso.

Ein zentrales Thema war die Frage, welche neuen Erkenntnisse die Teilnehmenden aus dem Symposium mitnehmen.

Jan Spille betonte, dass zahlreiche neue Ansätze vorgestellt worden seien. Gleichzeitig sei man insgesamt noch immer am Anfang einer Entwicklung, die eigentlich schon deutlich weiter sein müsste.

Guya Merkle unterstreicht, das Veränderungen in eine Richtung sieht, die viele Nachhaltigkeitsakteure seit Jahren fordern. Sie merkt aber zu gleich an, dass wir mehr Akteure gewinnen müssen, die sich für das Thema einsetzten, damit nicht immer nur die Gleichen zusammensitzen, die eh schon im Thema drin sind. Da wo es eigentlich Wirkung zeigen müsste, zeigt es bis lang zu wenige Wirkung.

Fernando Fastoso hob hervor, dass die Veranstaltung trotz aller Herausforderungen Hoffnung mache. Die Branche gewinne immer tiefere Einblicke in die tatsächlichen Probleme entlang der Lieferketten. Gleichzeitig wachse insbesondere bei jüngeren Menschen das Bewusstsein für Nachhaltigkeit.

Als prägendes Zitat des Tages bezeichnete er die Aussage von Georg Leicht:

„Menschen sind, wie Menschen sind.“

Eine Aussage, die verdeutliche, dass Nachhaltigkeit immer unterschiedliche Zielgruppen und Perspektiven berücksichtigen müsse.

In der Diskussion über die Kommunikation mit Kundinnen und Kunden erklärte Jan Spille, dass viele Menschen gerade wegen der klaren Wertehaltung zu seinem Unternehmen kämen.

Guya Merkle ergänzte dazu, dass Nachhaltigkeit zwar fest in ihren Unternehmenswerten verankert sei, jedoch nicht permanent im Mittelpunkt jeder Marketingmaßnahme stehe, was daran liegt, dass sie davon überzeugt ist, dass wir die Arbeit für eine Nachhaltigere Branche sowieso machen müssen, selbst wenn der Konsument noch nicht so sehr danach fragt. Diese Werte werden aber spätestens beispielsweise über Informationen in den Produktverpackungen oder über persönliche Kommunikationskanäle vermittelt. Die Kunden können sich auch über die Nachhaltigkeit ihres Schmucklabels informieren, wenn sie das nicht tun, bekommen sie die Information spätestens, wenn sie das Paket mit dem schmuck öffnen.

Zum Abschluss machte Prof. Dr. Fernando Fastoso darauf aufmerksam, dass Nachhaltigkeit angesichts globaler Krisen zunehmend um gesellschaftliche Aufmerksamkeit konkurriere. Solange Nachhaltigkeit nicht stärker wirtschaftlich verankert sei, werde die Nachfrage in Krisenzeiten immer wieder zurückgehen.

Ausblick: Der Blick über die eigene Branche hinaus

Zum Ende des Symposiums regte Prof. Dr. Fernando Fastoso an, künftig auch andere Branchen stärker in die Diskussion einzubeziehen, insbesondere die Modebranche, die in einigen Nachhaltigkeitsfragen bereits weiter sei.

Aus dem Publikum griff ich diesen Gedanken auf und verwies auf die kommende Sustainability Area der INOVA COLLECTION vom 28. bis 30. August 2026.

Am Sonntag, den 30. August 2026, wird dort eine Gesprächsrunde mit Heike Hess vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft stattfinden. Ziel ist es, die Herausforderungen beider Branchen miteinander zu vergleichen und voneinander zu lernen.

Damit schloss ein Symposium, das deutlich machte, wie vielfältig die Perspektiven auf Nachhaltigkeit in der Schmuckbranche inzwischen geworden sind. Vor allem aber zeigte die Veranstaltung, dass Wissenschaft, Wirtschaft und Praxis zunehmend bereit sind, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten.